Falsche Ängste?

Falsche Ängste?

Wir dürfen die Ukraine nicht mit schweren Waffen unterstützen, um Putin nicht zu reizen, weil der ja mit Atomwaffen droht. Wir fürchten Impfnebenwirkungen, aber nicht die Krankheit selbst, ganz im Widerspruch zu allen empirischen Daten aus mehreren Milliarden verabreichter Impfdosen. Was kostet eigentlich dieser viele Klimaschutz? Wie soll ich ohne Auto zur Arbeit, zum Arzt zum Einkaufen oder zu meinen Eltern kommen? Wie soll ich mir meinen verdienten Flug in den Urlaub leisten, wenn Sprit und Gas immer teurer werden? Wie viele Arbeitsplätze gehen uns verloren, wenn wir der Automobilindustrie strengere Umweltauflagen machen oder aus den fossilen Energien aussteigen? Wie kann man nur verlangen, dass ich mir das teure Biofleisch leiste oder auf Fleisch ganz verzichte? Was passiert mit mir, wenn ich mir einen mRNA-Imfpstoff verabreichen lasse? Was mag passieren, wenn wir Putin mit seinen vielen Atomwaffen zu sehr ärgern – und schließlich haben die USA auch schon viel Unrecht begangen?

Während ich diesen Beitrag schreibe, ist Anfang Mai der Boden draußen schon wieder viel zu trocken. Der Spiegel unseres durch Gülle zunehmend mit Nitrat belasteten Grundwassers sinkt stetig, Deutschland verliert jährlich ungeheure Mengen an Trinkwasser – im weltweiten Vergleich liegen wir da sogar ziemlich weit vorne! Aber verglichen mit anderen Teilen der Welt geht es uns ja noch richtig gut: Indien wird gerade von einer extremen Hitzewelle mit Temperaturen um die 50°C heimgesucht, in der Antarktis herrschen Rekordtemperaturen, riesige Eisschelfe brechen ab, Regenwälder werden in ungeheuerlichem Tempo abgeholzt, das Great-Barrier-Riff stirbt, der Permafrostboden in der Arktis schmilzt und gibt gewaltige Mengen an Treibhausgasen frei, das Artensterben beschleunigt sich, die Masse der Insekten bei uns ist um 70-80% gesunken, die CO2-Emissionen sind auf Rekordniveau, anstatt zu sinken. Derweil treibt Putin die westliche Welt vor sich her, leiden und sterben in der Ukraine Menschen, Kinder werden nach Russland verschleppt, Frauen vergewaltigt, und in Ostafrika droht deswegen eine Hungersnot, während wir diskutieren, ob Lieferungen schwerer Waffen, Putin zum Atomschlag provozieren können.

Ja, die Welt ist kompliziert und die Situation scheint düsterer denn je – aber wir haben vor den falschen Dingen Angst. Wir fürchten die Kosten und die sozialen Auswirkungen des „Klimawandels“ (Achtung: Wording der fossilen Industrien) anstatt die Klimakatastrophe selbst. Uns macht Angst, dass im Zuge der notwendigen Klimaschutzmaßnahmen Arbeitsplätze bspw. in der Kohleindustrie verloren gehen, aber uns störte nicht, dass aufgrund einer lobbygesteuerten Politik der Merkel-Regierung im Bereich Solar- und Windenergie viele tausend Jobs verloren gingen, Firmen pleite gingen und zukunftsweisendes KnowHow nach China abwanderte. Wir sorgen uns über steigende Sprit- und Fleischpreise, anstatt Angst vor dem Artensterben und zunehmenden Wetterextremen zu haben. Putin gelingt es, seit Jahren, die Uneinigkeit und das Zaudern der demokratischen Welt auszunutzen, uns Angst vor seiner Unberechenbarkeit zu machen, so dass alle Maßnahmen gegen ihn allenfalls nur halbherzig erfolgen und Nordstream II trotzdem gebaut wird, während er ein autokratisches System errichtet, erst Tschetschenien, dann Georgien und jetzt die Ukraine mit Krieg überzieht – und zwischendurch noch Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Syrien begeht …

Diese falschen Ängste, sorgsam geschürt und gehegt von Lobbyisten und Thinktanks und Putin und anderen Interessenvertretern lähmen uns als Gesellschaft auf allen Ebenen. Noch dazu haben wir ein permanent schlechtes Gewissen wegen unseres individuellen CO2-Fußabdrucks (auch eine Erfindung der fossilen Industrielobby). Zum Glück gibt es die jungen Menschen von Fridays for Future, wie Luisa Neubauer, die uns ab und zu doch wachrütteln und den notwendigen, grundsätzlichen systemischen Wandel anstoßen, wenngleich die Reaktionen viel zu träge und langsam sind.

Wir fürchten aber nicht nur die falschen Dinge, sondern wir sind blind für alles, was die Menschheit schon erreicht hat und für ihre ungeheuren Möglichkeiten – es fehlt uns an Utopien. Nie zuvor hatte die Menschheit solche technischen Möglichkeiten wie heute, aber anstatt Visionen zu entwickeln, die uns dafür begeistern, sie Wirklichkeit werden zu lassen, pflegen gerade wir in einem der reichsten Länder der Welt genussvoll unsere Befindlichkeiten und kleinlichen Sorgen.

Mein jüngster Sohn, für den ich gerade in Elternzeit bin, hat gute Chancen, das Jahr 2100 zu erleben, von dem in so vielen Zukunftsszenarien die Rede ist. Auch seinethalben bin ich nicht gewillt, mich lähmen zu lassen. Ich will helfen, ihm eine nicht nur lebenswerte, sondern wundervolle Zukunft zu ermöglichen.

Und es ist möglich, wenn wir nur endlich entschlossen handelten, wenn wir eine „große Mobilmachung“ gegen die Klimakatastrophe beschließen würden und radikal und ohne Zaudern unser gewohntes Leben auf den Kopf stellten. In der Politik hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass entsprechend der Modern Monetary Theory (höre „Wohlstand für alle“ Episode 25, Episode 28, Episode 94 und da Spezial #12 mit Maurice Höfgen, dem Autor des Buches „Mythos Geldknappheit“) die Handlungsfähigkeit eines wirtschaftlich stabilen Landes nicht durch die Geldmenge, sondern nur durch die vorhandenen Ressourcen begrenzt wird. So werden endlich alle notwendigen Investitionen zum Kampf gegen die Klimakrise getätigt. Alle Bürger:innen vereinen sich in der großen Generalmobilmachung für eine lebenswerte Zukunft in einer gesunden Umwelt. Städte ohne Autos: wo vorher Asphaltwüsten dominierten, ist alles grün und Lebensraum, kein Verkehrslärm. Urban Farming. Nur noch erneuerbare Energien: Keine Abgase, kein Feinstaub, aber trotzdem globale Gerechtigkeit und Wohlstand für alle Menschen. Ein innovativer ÖPNV, der dank künstlicher Intelligenz auch auf dem Land bei optimaler Ressourcenausnutzung funktioniert. Sauberes Trinkwasser, saubere Luft, gesundes Essen. Im Supermarkt ist nicht mehr die Bio-Ware besonders gekennzeichnet, sondern – falls es so etwas überhaupt noch gibt – das giftige Zeug aus industrieller Landwirtschaft und Massentierhaltung. Die Preise für die Waren enthalten auch alle externen Kosten, die bei der Herstellung in Form bspw. von Wasserverbrauch, Landnutzung und Umweltzerstörung entstehen. Damit kostet ein Rindersteak aus Massentierhaltung, für das Regenwald abgeholzt wurde, hoffentlich mindestens € 50 – viel mehr als das Bio-Pendant oder die vegane Variante. Überhaupt gibt es in dieser utopischen Zukunft genügend Nahrung für voraussichtlich 11 Milliarden Menschen, weil wir größtenteils vegetarisch leben, was sowieso viel gesünder ist, anstatt 60% des angebauten Getreides an Tiere zu verfüttern (und 20% für Biosprit und Biogas zu verwenden). Fairer Welthandel, Gemeinwohlökonomie, Bürgerräte mit Entscheidungskompetenz. Es gibt gar keinen Müll mehr, weil wir, bspw. im Sinne von Cradle to Cradle dem Vorbild der Natur folgend, auf konsequente Kreislaufwirtschaft setzen: Alles, was wir entsorgen, kann entweder kompostiert oder vollständig aufbereitet und wiederverwendet werden. Als Resultat haben wir intakte und (wieder) stabile Ökosysteme, die wir achtsam zur Erholung nutzen, und die uns vor Umweltkatastrophen schützen und das Klima stabilisieren. Alle Staaten der Welt sind dem Internationalen Strafgerichtshof beigetreten, Kriege sind geächtet, es kann abgerüstet werden und die Vereinten Nationen als funktions- und handlungsfähige überstaatliche Instanz haben die nötigen Mittel, einen fairen globalen Handel zum Wohle aller zu steuern. In so einer Welt sollen meine Kinder und Enkel leben dürfen!

Und nun verglichen damit, die Szenarien, was passieren würde, wenn wir uns das „sparen“ sollten, wenn wir weiter zaudern: Autokraten und Diktatoren kämpfen in einer kollabierende Biosphäre um knapper werdende Ressourcen, die Polkappen und die Gletscher schmelzen, die Meerespiegel steigen, das Trinkwasser wird knapp, Wüsten dehnen sich aus, eine Klimakatastrophe folgt auf die nächste, Millionen, wenn nicht gar Milliarden Flüchtlinge, wirtschaftliches und politisches Chaos, nacktes Überleben – aber nur für einige.

Ja, vielleicht wird Putin Atomwaffen wirklich einsetzen, auch wenn die Experten das bezweifeln – aber von denen hat ja auch kaum einer den Vernichtungskrieg gegen die Ukraine kommen sehen. Und er hält diese Möglichkeit ja auch ganz bewusst im Gespräch – Angst macht gefügig und eröffnet ihm Handlungsspielräume für seine imperialen Allmachtsfantasien. Aber letztlich macht, wie die Vergangenheit deutlich zeigt, Putin doch sowieso einfach, was er will und sucht sich dann die passenden Gründe, gegebenenfalls werden sie halt einfach von seiner Propagandamaschine erlogen – man denke nur an das erklärte Ziel der „Entnazifizierung“ der Ukraine oder die Behauptungen, die Ukrainer hätten die Gräueltaten in Butscha selbst begangen (wobei neuesten Umfragen zufolge 20% der Deutschen, vorzugsweise AfD-Wähler:innen und Impfgegner:innen, von der russischen Propaganda in die Welt gesetzte Verschwörungsmythen bereitwillig glauben). Was wäre, ließen wir ihn gewähren, unterstützten wir die Ukrainer nicht in ihrem Verteidigungskampf? Wer wäre dann als nächstes dran: Georgien oder Moldau? Das Baltikum? Oder vielleicht Taiwan, weil China Russlands Vorlage als Blaupause für eigenes Großmachtsstreben nutzt? Dass wir „westlichen Kulturen“ in unseren sicher nicht perfekten Demokratien für Extremisten, Autokraten, Diktatoren und sonstiges Gelichter einen verweichlichten und dekadenten Eindruck machen, den auszunutzen leicht ist, ist nur zu verständlich. Wir sind nicht bereit, uns für unsere Werte, unsere Welt, für unser Überleben und das anderer wirklich einzusetzen und dafür konsequent einzustehen, sondern sorgen uns um den Status Quo, um unseren Lebensstandard, unseren Luxus. Wenn uns eine gesunde Biosphäre, unser Leben, unsere Freiheit, globale Gerechtigkeit und Demokratie etwas wert sind, dann müssen wir uns dafür auch einsetzen und gegebenenfalls auch liebgewonnene Überzeugungen kritisch hinterfragen (letzteres könnte ein Thema für meinen nächsten Blogbeitrag werden!). Und in diesen Zeiten gibt es dabei keine leider Sicherheitsgarantien. Unsere falschen Ängste aber werden uns lähmen, alle Utopien verhindern und in eine dystopische Zukunft führen. Das will ich nicht!


One Reply to “Falsche Ängste?”

  1. Natürlich fürchten wir uns vor dem was kommt, aber das Wichtigste scheinen wir zu vergessen, wir haben uns und zusammen schaffen wir alles. Wir sollten nicht der Furcht ins Gesicht sehen, sondern uns auf unsere Stärken besinnen und das wenn jeder einen kleinen Teil verändert auch wenn er noch so klein ist, die Welt verändern und verbessern kann. Wir müssen den Möglichkeiten ins Auge sehen, etwas zum Positiven zu drehen. Überall auf der Welt gibt es Querdenker, die sich für etwas anderes halten und gegen die Mehrheit agieren. Das ist nicht falsch, aber eben auch nicht richtig. Jeder sollte sich auf das Besinnen was er/sie selber erreichen möchte, anstatt sich von anderen Leuten zu lassen. 🙂

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