Umfrage: Stundenpläne nicht zeitgemäß

Umfrage: Stundenpläne nicht zeitgemäß

Heute stieß ich auf einen Spiegel-Online-Artikel, demzufolge eine deutliche Mehrheit der Schulleiter unsere Schulen noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen sehen. Insbesondere Stundenplan und Fächerkanon seien nicht mehr zeitgemäß.

Die Schule, wie wir sie kennen, wurde im 19. Jahrhundert im deutschen Reich unter Kanzler Bismarck etabliert – mit dem Ziel, die Untertanen so zu bilden, dass sie als Soldaten oder Fabrikarbeiter perfekt funktionieren. Selbst die heute noch in fast allen Stundenplänen gängige 45-Minuten-Schulstunde ist rein praktischen und vor allem außerschulischen Erwägungen zu verdanken. Dabei spricht aus pädagogischer Hinsicht vieles gegen diese Stundendauer. Manches wurde in den letzten 150 Jahren sicherlich verändert, aber es gab keinen grundlegenden Paradigmenwechsel, das Grundgerüst und die Zielsetzung blieben gleich. Selbst heute noch werden die Lehrpläne auf altbackene Weise an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes angepasst. Darum stellt Sir Ken Robinson in seinem bekannten Ted-Vortrag auch ganz zurecht fest, dass die Schule, wie wir sie kennen, die Kreativität tötet.

Sogar die Reformpädagogen haben da nur teilweise etwas geändert. Rudolf Steiner beispielsweise, der Begründer der Waldorfschulen, forderte 1919 radikal:

„Dasjenige, wo angefangen werden müßte, auf dem Gebiete des Unterrichts zu sozialisieren, das ist vor allen Dingen der Stundenplan, diese Mördergrube für alles dasjenige, was wahrhafte Pädagogik ist. Der Stundenplan, der dann seine Fortsetzung rindet durch alle Schulstufen, das ist dasjenige, was heute zuallererst bekämpft werden muß.“

Aber schaut man sich an den Waldorfschulen um, so ist diese Forderung allenfalls anfänglich umgesetzt. Einige Fächer sind dem Korsett entflohen und werden in Epochen unterrichtet, aber vieles wird weiterhin in diesen unsäglichen 45-Minuten-Einheiten unterrichtet.

Neun Jahre war ich selbst in einer Leitungsfunktion an einer solchen Freien (!) Waldorfschule, ohne dass es mir gelungen wäre, einen Veränderungsprozess anzustoßen, um tradierte Strukturen wie eben den Stundenplan, aufzubrechen und zu verändern. Der Widerstand der Kolleg:innen oder zumindest ihre Trägheit war zu groß. Jede:r war so in ihr:sein Alltagsgeschäft verstrickt, dass die notwendige Begeisterung für echte Veränderungen nicht über einzelne Veranstaltungen hinaus überlebte. Das war außerordentlich frustrierend! Dabei müsste man nur die Schüler:innen selbst mal befragen und ernst nehmen: Die wissen meist sehr genau, wie sie am Besten was lernen können. Aber dann müssten die Lehrer:innen sich wandeln und zu Lernbegleiter:innen werden – das fällt schwer, denn das ist eine ganz andere Rolle!

Jeder Mensch, davon bin ich überzeugt, will lernen, verstehen, begreifen und sinnvoll tätig sein in der Welt (abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen vielleicht). Bevor es zur Schule kommt, lernt das kleine Kind eine ungeheure Menge, bspw. Sehen, Hören, Greifen, Laufen, Sprechen, um nur einige oberflächliche Schlagworte zu nennen. Das geschieht ganz aus eigenem Antrieb, nicht, weil ihm das jemand „beibringt“ und seine Fehler korrigiert – und darum auch angstfrei. Fehler sind etwas ganz Wesentliches für jeden Lernprozess, eigentlich muss man sich über sie freuen und sie nicht tadeln. Welch ein Glück für mich, dass ich genau das gerade in meiner Elternzeit noch einmal live beobachten darf!

Zum Glück gibt es einige Menschen, die Impulse geben und Netzwerke knüpfen, um das Bildungswesen endlich grundlegend zu reformieren, wie Schule im Aufbruch oder die FreiDay-Initiative oder die Pioneers of Education, um nur einige wenige zu nennen.

Mein Herzenswunsch wäre es, nach meiner Elternzeit eine Schule zu finden, in der wenigstens versucht wird, den Kindern und Jugendlichen ein zeitgemäßes, selbst organisiertes Lernen zu ermöglichen, um Selbstwirksamkeit zu erfahren, Teamarbeit und Kooperation zu üben, Freude an Fehlern zu erleben und den Umgang mit Unsicherheit zu lernen. Das sind nämlich die Kompetenzen, die die nächsten Generationen dringend brauchen, um mit dem Saustall klarzukommen, den wir ihnen auf diesem Planeten wider besseres Wissen hinterlassen.


4 Replies to “Umfrage: Stundenpläne nicht zeitgemäß”

  1. Das was du schreibst ist richtig.
    Für eine so tiefgreifende Änderung eines festgefahrenen und größten Teils nicht hinterfragten Systems erfordert viel Mut und viel Kraft. Man muss sich sichtbar und angreifbar machen. Wer hat dazu nach den letzten zwei Jahren noch die Energie und die Überzeugung das in diesem Land schaffen zu können?

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